004 Das Orakel vom Berge

flattr this!

manhighcastlePhilip K. Dick hat mit seiner Alternativweltgeschichte Das Orakel vom Berge den Anstoß für eine neue Folge Utopia gegeben.

Wir versuchen, euch das Buch vorzustellen und landen dann bei einer Reihe unterschiedlichster Themen – also, alles wie gehabt.

Stefan erzählt eine Anekdote zu Karotten und empfiehlt die Folge von Hardcore History, in der es um Red Scare geht. Wir kommen über Making History und Sprachbetrachtungen irgendwann zu Wirbeltieren und Quallen (inklusive peinlicher Klassifizierungsversuche).

Wir freuen uns noch immer über die vielen Rückmeldungen und Gunstbeweisungen ;o)

An dieser Stelle möchte ich auf den flattr-badge-large von Stefan hinweisen.

Viel Vergnügen mit der neuen Folge!

 

13 Kommentare

  1. Super Folge! Philip K. Dick war ein genialer Schriftsteller. Teilweise war es aber etwas schwer euch vor lauter “äh äh öh… ne?” zuzuhören

  2. Hallo Ihr Utopier,

    Drei Anmerkungen/Ergänzungen/Einwände:

    1. Der Vietnamkrieg, so wie er im atlantischen Gedächtnis haften geblieben ist, begann erst mit dem Tonking-Zwischenfall 1964. Bis dahin war der Vietnamkrieg/Indochinakrieg über Jahrzehnte eine Sache von Nord- und Südvietnamesen und der französischen Kolonialmacht. Die ersten Eingriffe amerikanischer Politik lassen sich allerdings auch schon vor 1955 ausmachen. Dann lässt sich ein langsames Anwachsen des Engagements verzeichnen, von offener Kriegsführung kann man aber vor 1964 noch nicht sprechen.

    2. Der Roman erinnert mich an “Fatherland” von Robert Harris, (erschienen 1992, verfilmt 1994 mit Rutger Hauer in der Hauptrolle): Die Nazis beherrschen 1964 ganz Europa, weil es ihnen anders als in der echten Geschichte 1942 gelungen ist die Ölfelder von Baku zu erobern. Deutschland und die USA befinden sich im Kalten Krieg, nachdem sie sich gegenseitig mit Atombomben beworfen haben. In einer Zeit des Tauwetters soll Präsident Kennedy zu einem Staatsbesuch nach Deutschland reisen, um die Situation zu entspannen. Zu diesem Zeitpunkt entdeckt ein deutscher Kommissar Beweise für den vertuschten Holocaust und versucht, diese an die Amerikaner zu übermitteln, um sie davor zu bewahren, ohne dieses Wissen in Verhandlungen mit dem faschistischen Deutschland zu gehen.
    Bemerkenswert an dem Roman auch aus utopischer Sicht ist übrigens die Beschreibung des Nazideutschlands der sechziger Jahre. Die Speerbauten in Berlin wurden alle errichtet, Rieseneisenbahnen mit meterbreiter Spurweite fahren durch die weiten Osteuropas, in der Wehrbauernhöfe einen ewigen Partisanenkrieg gegen die Überreste der Roten Armee führen.

    3. Diese Folge hat mich dazu gebracht, etwas über das Nationenkonzept nachzudenken. Hier einige skizzenhafte Überlegungen, die dem, was Ihr gesagt habt etwas entgegenstehen:
    Auch wenn Historie und Sprache als Begründung für territoriale oder sonstige Identitätskonzepte willkürlich und konstruiert sind, spricht das noch nicht zwingend dagegen, eben solche begrenzten Identitätskonzepte aufrechtzuerhalten (Abstammung als Begründung lasse ich jetzt mal weg, denn das ist in der Tat Käse). Mit der Entstehung des Nationenkonzepts sind, das fällt in Eurer Diskussion unter den Tisch, doch auch deutliche Emanzipations- und Demokratisierungseffekte verbunden (wohlgemerkt nicht parallel, sondern eng verbunden!). Der Staatsbürger als autonomes Subjekt, das seine Umgebung mitgestalten kann, war in älteren Konzeptionen auf europäischem Boden so nicht vorgesehen (Abgesehen vielleicht von der antiken Polis.). Erst als das Nationenkonzept in einigen europäischen Staaten diesen Abstammungstwist bekam, wurde es exkludierend und in der Tat zu einem Problem, bis dahin war die Nation ein eher fortschrittliches Konstrukt. (Interessanterwiese ist der Nationalstaat, eine der wenigen westeuropäischen Errungenschaften, die unzweifelhaft globale Dominanz erlangt haben, auch wenn der sonstige Einfluss des Westens schwinden mag.) Das zunächst zur historischen Bewertung.
    Was ließe sich jetzt aber normativ für die nationale oder auch regionale Identität ins Feld führen? Aus meiner Sicht sind beide verknüpft mit einem gestalterischen, demokratischen Aspekt, dem des Resonanzraumes. Als einer von sieben Milliarden bin ich niemals mehr als eine Termite, so verschieden und so gleich wie alle anderen. Einfluss auf diesen globalen Raum habe ich nur, wenn ich über sehr viel Macht verfüge. In einem Raum dagegen, der über eine gemeinsame Geschichte, gemeinsames Erleben (und Gemeinsamkeit lässt sich logisch nur begründen, wenn es Verschiedenheit gibt – insofern hilft uns die gemeinsame Geschichte als Erdenbürger gar nichts) verfügt und, ja auch über eine gemeinsame Sprache, mindestens als Lingua Franca, besser noch als Grundlage auch für den kulturellen Austausch, nur in einem solchen Raum also kann tatsächlich so etwas wie Resonanz entstehen. Andere wirken auf mich, ich wirke auf andere.
    “Raum” muss hier nicht ausschließlich territorial verstanden werden. Gemeinschaften lassen sich heute mehr denn je auch grenzübergreifend bilden. Dennoch bleibt zum Einen auch in “virtuellen” Räumen die Logik von Identitätsbildung erhalten und zum Anderen ist der Mensch zwingend auf einen funktionierenden ihn unmittelbar umgebenden physischen Raum angewiesen. Und um dessen Funktion sicherzustellen sind Identitätskonzepte, die sich auf den Raum beziehen (sei es die Nation, die Region, die Stadt, der Kiez, der Block oder das Haus) enorm hilfreich.
    Einschränkend möchte ich sagen, dass im Zweifelsfall immer der kleinere Raum dem größeren vorzuziehen ist und das die Zugehörigkeit zum Raum nicht an zwingend exkludierenden Kriterien festgemacht werden sollte, wie z.B. die Abstammung.

    So, das ist jetzt weiter ausgeführt und weniger klar, als von mir beabsichtigt, soll Euch aber ermutigen, indem es veranschaulicht, dass Ihr Prozesse des Nachdenkens anregen könnt.

    Viele Grüße
    salutans

  3. danke für die schöne folge!

    @salutans
    deine worte zur nation find ich interessant und sie haben mich zum nachdenken angeregt.
    bei dir klingt es so, als würden sich auf einen raum bezogene identitätskonzepte (nation, region, etc) nur in der größe unterscheiden. so wie ich das mitbekommen habe, war die nationenbildung selbst in der regel ein herrschaftsförmiger akt, der neben der abgrenzung nach außen auch ein gewissen maß an “gleichmacherei” nach innen bewirkt, und auch für den sich entwickelnden kapitalismus eine rolle spielt. im gegensatz zu regionen, die sich oft an bestimmten gegebenheiten entwickelt haben (zB rheinland).
    damit will ich nicht sagen, dass regionen o.ä. nicht auch auschließend wirken können, aber bei “der nation” scheint es mir ein konstitutives merkmal zu sein. die sprache zB war ja nicht einfach gleich in einer nation, sie wurde auch gleich gemacht, zB über schulen. was heute dialekte sind, galt ja mal als was eigenes.
    ich mach hier mal n punkt. naja bin kein freund von der idee nation und denke, sollte da tatsächlich irgendwas emazipatorisches drinstecken, lässt es sich auch in etwas weniger gewaltförmigem leben.

    • @torben

      Ja, du hast recht, in meinem Beitrag unterscheide ich nicht ausreichend zwischen den verschiedenen besonderen Mekrmalen räumlicher Identitäten.
      Die Nation stellt allerdings einen Sonderfall dar, da sie einen rechtlichen Status (den des Nationenbürgers) schuf und diesen dann anschließend mit einem umfassenderen Idenitätskonzept auflud (auch wenn das historisch mitunter andersherum erscheint: Deutschland war zwar erst Kulturnation, und dann politisch geeinigt, aber schon die Schaffung dieser Kulturnation war ja ein bewusster Akt.) Aber verbunden mit der Schaffung der Nation war eben auch die Gewährung von demokratischen und sonstigen Rechten in einer Art und Weise und für eine Menge an Personen, die wir so bei anderen Identität konstruierenden Gebilden nur selten vorfinden. Das zeigt uns die Geschichte, aber bedeutet nicht, dass die Nation sakrosankt sein sollte, auch da gebe ich dir recht. Zumal die Geschichte andere Formen der politischer Konstruktion kennt, die zumindest zeitweise ohne Aufladung mit problematischen Identitätskonzepten einherging. So hat sich der preußische Staat aufgrund der Logik seiner Entstehung wenig um die Sprache, Ethnie oder Religion seiner Einwohner gekümmert, zumindest weniger als andere Staaten dieser Zeit. Allerdings hing das mit seinem Expansionsstreben zusammen, das natürlich an sich auf andere Weise problematisch war. Interessant ist aber auch, dass es so etwas wie eine Identifizierung mit Preußen als Raum bis weit in das 18. Jahrhundert hinein gar nicht gegeben hat (aber vielleicht gerade wegen der zugelassenen Heterogenität) und so richtig erst mit den napoleonischen Freiheitskriegen entstand um dann sogleich durch ein viel stärkeres deutsches Nationalgefühl abgelöst zu werden.
      In jedem Fall ist das alte Nationenkonzept nicht mehr aufrechtzuerhalten, die Ablösung des Nationalstaates durch sein bloßes Aufgehen in einer größeren Gebietskörperschaft, wie der Europäischen Union erscheint mir allerdings (abgesehen davon, dass es politisch weitab jeder Durchsetzbarkeit ist) nicht per se als wünschenswert.

      Grüße

      salutans

  4. In der Tat erinnert “The man in the Highcastle” thematisch an “Fatherland”. Und doch ist der Ansatz ein völlig anderer, wenn auch nicht auf den ersten Blick. PKD war Zeit seines Lebens mit der Suche nach Sinn beachäftigt und setzte sich in der Folge vor allem damit auseinander die Wirklichkeit für sich zu definieren. In seinem Spätwerk nimmt dies mit der Valis-Trilogie für den gemeinen Leser abstruse Formen an. Im Orakel vom Berge wird neben dem Konzept einer überzogenen Alternativ-Historie auch die Parallelität von verschiedenen “Wirklichkeiten” angedeutet. Zum einen ja der fiktive Schauplatz an sich, dann aber auch die Fiktion in der Fiktion in Form eines verbotenen Buches. Beschäftigt man sich mit Dick, dann fallen einem erst die vielen Fragmente auf, die er immer und immer wieder verwendet, die dieses Werk von einem “einfachen” was-wäre-wenn-Roman abheben.
    Vielen Dank für diesen tollen Podcast! Vor allem auch für diese ausführliche Folge mit vielen interessanten Gedanken zu PKD! Gerne mehr davon! Vielleicht ja zu “Nach der Bombe”, was sich rein thematisch gut anfügt!?
    Viele Grüße,
    Dennis

    • Horay

      Hallo Dennis,

      für mich war Philip K. Dick auch eine echte Entdeckung. Ich habe hier noch “Zeit aus den Fugen” liegen, das sich offenbar genau mit der von dir beschriebenen Frage nach Wirklichkeit auseinander setzt. Wahrscheinlich könnte man PKD einen extra Podcast widmen, in dem man sich mit seinen Ideen und Überlegungen auseinander setzt. ;)

      • Hallo Stephanie,
        “Zeit aus den Fugen” ist großartig! Auch ein gutes Beispiel dafür, wie weit PKD aktuelle Filme/Bücher beeinflusst hat. “The Truman Show” ist demnach ja klar auf diesen außergewöhnlichen Autor zurückzuführen.
        Ein reiner PKD-Podcast wäre sehr schön, könnte aber ein größeres Projekt werden ;)
        Viele Grüße,
        Dennis

  5. Hallo Stephanie und Stefan,

    ein großes Dankeschön für diese Folge sowie auch euren gesamten Podcast Aktivitäten.
    Es mag sein das es, so wie hier von salutans beschrieben wurde, wirklich ist. Dennoch ist mir euer Gespräch über die Nationen im Ohr und es klingt nach…Utopie. Und der Klang breitet sich aus, Töne finden sich in einen Meer von Stimmen. Wäre schön wenn wir dereinst keine Feindbilder mehr bräuchten. Weil wir wohlfühlen…in uns, mit uns und um uns.

    Lieben Gruß, Andrè

  6. Die von euch angesprochene Verteilung 1, 2, 4, 8, 16 usw. ist eine Exponentialverteilung. Die klassische Parabel f(x) = x² und Hyperbel f(x) = x³ wachsen für x ≥ 0 ebenfalls exponentiell (wenngleich sie natürlich nicht die oben genannte Zahlenfolge erzeugt, das wäre f(x) = 2^x).

    Quallen sind Nesseltiere. Weichtiere umfassen etwa Schnecken, Muscheln sowie Tintenfische.

  7. Hallo,

    ist das Projekt eingestellt? :(
    Wobei auch auf den anderen Kanälen wenig neues ist. Vielleicht nur wenig Zeit?
    Ich warte sehnsüchtig auf eine Fortsetzung :) und ich bin sicher viele andere Hörer_innen.

    Liebe Grüße & vielen Dank & frohe Feiertage,
    Krutor

    • Horay

      Hab vielen Dank. Nein, das Projekt ist nicht eingestellt. Zeit spielt immer eine Rolle ;) aber der eigentliche Grund ist die kommende Vorzeiten-Episode. Eine Fortsetzung ist geplant und der @hirnbloggade versicherte mir, er stünde noch dazu bereit.

      • Danke vielmals für den positiven Ausblick :)
        Ein wunderbares, anregendes Projekt! Wird vor allem in der Vorbereitung sicher viel Zeit kosten.

  8. Amazon hat übrigens aktuell den einstündigen Piloten für eine mögliche Serienbestellung zu “The Man in the High Castle” zur allgemeinen Bewertung online. Wer also Gefallen an dem Stoff gefunden hat, der sollte da mal reinschauen => http://www.amazon.de/The-Man-High-Castle/dp/B00RWYTQM0
    Macht technisch einen guten Eindruck, der Inhalt wurde ein wenig umgearbeitet (z.B. steht hier kein Buch, sondern eine Filmrolle im Zentrum, die Szenen des alternativen Kriegsendes zeigt), die Besetzung ist gelungen, einer der Executive Producer ist Ridley Scott. Ich würde gern weiterschauen und hoffe, dass Amazon die Staffel ordert.

Hinterlasse einen Kommentar zu Krutor Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.